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Corona – was kommt danach (ein erster Versuch)

Momentan bleibt vielen von uns nichts anderes übrig, als zuhause zu bleiben: Arbeit im Homeoffice, Essen in der Küche statt in der Kantine, der Mensa oder im (Schnell-) Restaurant. Das gute alte Fernsehen oder Streamingdienste statt Kino. Urlaub: Nicht in die Ferne, sondern in weiter Ferne… Nicht mal Rügen statt Balearen.

Die Wiederentdeckung von Dingen und Bedingungen, die längst vergessen waren und die Jüngeren nie kannten.

Hoffnung, dass der Spuk irgendwann -möglichst bald- zu Ende ist. Dass das alte Leben zurückkehrt, wieder alles so ist wie noch Ende letzten Jahres. Zu Weihnachten in der vollen Kirche oder davor im Sommer im vollen Schwimmbad. Nähe zu vielen Menschen, manchmal zu viel Nähe, weil man es sich nicht immer aussuchen konnte, wer da so neben einem saß, lag oder stand.

Und nun: Abstand halten zu den Mitmenschen, beim Einkaufen in der Supermarktschlange, beim zufälligen Treffen der Nachbarn und Bekannten. Der sonst stets zutreffende Spruch der Altvorderen: „In Krisenzeiten muss man näher zusammenrücken.“ wirkt irgendwie unpassend, zumindest, wenn man ihn wörtlich nimmt. Metaphorisch stimmt er gleichwohl, nur heißt „zusammenrücken“ hier empathisch, respekt- und rücksichtsvoll  beieinander zu sein. Physischer Abstand wird hier, so paradox es klingt, zu Nähe.

Klingt unlogisch und fühlt sich auch komisch an, weil wir Zeit Lebens genau das Gegenteil gelehrt bekommen und selbst gelernt haben. Es bedarf schon einiges an eigener Überlegung und auch anschaulicher Modelle, die Experten erdacht haben, um es zumindest einigermaßen zu verstehen.

Heute, Mitte bis Ende März, begreifen wir es nicht oder zumindest nicht ganz. In ein paar Wochen, nach vermutlich mehreren Phasen der Ermüdung, Frustration und innerer Auflehnung ist es vielleicht anders. Vielleicht beginnen wir, oder zumindest einige von uns, über den tieferen Sinn dieser Krise nachzudenken. Dass man dazu ein wenig philosophische Neugier, vielleicht auch etwas „Glauben an größere Zusammenhänge“ braucht, will ich nicht verhehlen.

Interessant übrigens, was bei Wikipedia zum Begriff ‚Krise‘ und der Herkunft des Wortes steht: „Krise ist ein eigentlich aus dem Griechischen stammendes Substantiv (Alt- und gelehrtes Griechisch κρίσις krísis – ursprünglich ‚Meinung‘, ‚Beurteilung‘, ‚Entscheidung‘ – später im Sinne von ‚Zuspitzung‘ verwendet), das zum altgriechischen Verb krínein führt, welches „trennen“ und „(unter-)scheiden“ bedeutet.“

„Krise“ bezeichnet, wenn man so will, nichts Faktisches, sondern dessen Bewertung. Mancher sagt deshalb auch: „In jeder Krise steckt auch eine Chance.“ – auf etwas Neues, danach.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte in einem Interview  am 16.3.2020: „Die Corona-Krise fordert uns heraus. […] Die Welt wird danach eine andere sein. In welche Richtung es geht, das hängt von uns ab.“

Schon jetzt sieht man Initiativen, die man sich ohne Krise bereits früher gewünscht hätte. Und manches geht überraschend schnell und in erstaunlicher Einigkeit. Es werden Entscheidungen getroffen! Klare Entscheidungen. Gemeinsame Entscheidungen. Nicht immer Entscheidungen, die jeder und jedem gefallen. Aber im Moment notwendige Entscheidungen.

Plötzlich werden digitale Lösungen enorm nützlich: Digitale Bildungsangebote, die es ermöglichen, Schüler_innen und Lehrer_innen voneinander räumlich zu entfernen und gleichzeitig nahe zueinander zu bringen, um weiterhin Schule stattfinden zu lassen.

Und woanders werden genau die Lücken und Defizite sichtbar und spürbar, wo es in der Vergangenheit versäumt wurde, die notwendige Infrastruktur zu schaffen. Jetzt, da es am meisten nützlich wäre, fehlt es am meisten: „Ach hätten wir doch bloß…!“ Was ich hier meine, bezieht sich zunächst auf das Thema Digitalisierung.

Doch auch an anderer Stelle treten Versäumnisse der Vergangenheit zutage. Sparwut an allen Ecken und Enden, nicht nur beim Krankenhauspersonal, führt dazu, dass wir aktuell „auf Kante genäht sind“.

Was können, schon jetzt, die Lehren aus der Krise sein?

Nicht zögern, sondern machen.

Entscheidungen sind möglich: Wenn man will, wenn man klar sieht, wenn man keine Angst vor den Reaktionen hat.

Ich rede hier keinesfalls der Diktatur oder der Autokratie das Wort. Auch in einer demokratischen, sogar einer föderalen Struktur wie in der Bundesrepublik Deutschland erleben wir gerade, wie sich Verantwortliche von Bund und Ländern an einen Tisch (oder auch in eine Video-Konferenz) setzen und gemeinsam Entscheidungen treffen – und mittragen. Und dass es dabei durchaus möglich und erlaubt ist, hier und da regional unterschiedliche Akzente zu setzen.

Wir erkennen nun auch, wer das Zeug hat voranzugehen, wer das Wesentliche im Auge behält – oder wer, selbst jetzt, versucht sein Steckenpferd weiter zu reiten.

Reserven vorhalten, auch wenn es kostet.

Überkapazitäten und Lagerhaltung sind teuer. Just-in-time-Produktion heißt der Schlüssel um Kosten zu sparen. Wenn aber Leistungs-, Liefer- und Logistikketten wegbrechen, dann wird´s schwierig. Und dabei geht es nicht nur um Technik wie Autos, Schiffe oder Flugzeuge. Momentan geht es um Menschen, Arbeitskräfte in Krankenhäusern, bei der Polizei, im Lebensmittelhandel, bei Speditionen und anderswo. Es braucht hier künftig ein Beschäftigungssystem das „atmen kann“. (Sorry, krasse Metapher beim Thema Lungenkrankheit)

Maß halten – durch Jede und Jeden.

Auch wenn es keine Viren zu verteilen gilt: Muss ich stets durch die halbe Welt reisen, nur weil es geht, weil es wenig kostet und weil es irgendwie cool ist? Im letzten Jahr sprachen wir schon mal von „Flugscham“ angesichts der Klimakrise (noch ´ne Krise!). Klingt heute fast wie Hohn, weil man nun praktisch überhaupt nicht mehr fliegen KANN. Dennoch bleibt es ein Stück weit wahr: Für meinen persönlichen Vorteil („Ab in den Süden!“) nehme ich es in Kauf, dass andere (die Welt) darunter leiden.

Dieser Tage sind es die Unbelehrbaren, die „social distancing“ einfach nicht verstehen wollen. An Euch alle: Rücksicht, Demut, Bescheidenheit sind nicht spießig!